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Michail Prischwin (1873–1954) wurde nahe Jelez im Dorf Chruschtschowo als Kaufmannssohn geboren. Er studierte an der chemisch-agronomischen Fakultät des Polytechnikums in Riga, wo er 1897 festgenommen und später unter Hausarrest gestellt wurde, weil er sich an der Verbreitung revolutionärer Schriften beteiligt hatte. Nach einer kurzen Episode als Agronom arbeitete er als Journalist und während des Bürgerkriegs als Dorflehrer, Bibliothekar und Museumskustos. Seit 1905 führte Prischwin Tagebuch und veröffentlichte erste literarische Texte. Neben den vielgerühmten Erzählungen begründeten vor allem sein autobiografischer Roman »Die Kette des Kaschtschej« und die Erzählung »Shen-Schen« seinen Ruf. Lange blieb unbekannt, dass Prischwin nach 1917 auch Werke politisch-philosophischen Charakters schrieb, die aus Zensurgründen nicht oder erst Jahrzehnte später verstümmelt erscheinen konnten – etwa »Der irdische Kelch«. Die 1991 begonnene Edition seiner Tagebücher wurde in Russland 2017 abgeschlossen.

Erscheint im November 2021

Eveline Passet, geboren 1958, studierte Slawistik und Romanistik in Paris. Sie übersetzt aus dem Französischen und dem Russischen (u. a. Constant, Pennac, Rosanow, Golowanow und Kuprin), schreibt Rundfunkfeatures und leitet Fortbildungen für Übersetzer. Mit Gabriele Leupold ist sie Herausgeberin von »Im Bergwerk der Sprache« (2012). 2017 erhielt sie das Zuger Übersetzerstipendium für ihre Arbeit am Projekt der Prischwin-Tagebücher und 2020 den Paul Celan Preis.

Michail Prischwin (1873–1954) führte ab 1905 Tagebuch – nach der Oktoberrevolution im Verborgenen. Im diaristischen Schreiben wollte er sich der politischen und gesellschaftlichen Realität stellen, ohne seine innere Freiheit preiszugeben. In den Jahren 1930 bis 1932 zwingen ihn Anfeindungen, nach literarischen Formen zu suchen, die ihm erlauben, äußerlich den offiziellen Aufruf »Schriftsteller in die Kolchosen!« zu erfüllen, im Kern jedoch das Intime, Individuelle, Unverfügbare des Einzelnen festzuhalten. Mit dem ersten Fünfjahrplan und dem Novemberplenum 1929 begann nicht nur Stalins forcierte Industrialisierung des Landes und jene brutale Kollektivierung der Landwirtschaft, die Millionen Menschen das Leben kosten wird, sondern auch die Gleichschaltung der Kultur.

Prischwin lebt in diesen Jahren in Sergijew Possad/Sagorsk in einem Holzhaus am Stadtrand. Zum Lebensunterhalt hält man eine Kuh, seine Frau baut Gemüse an, er geht auf die Jagd, immer mit einer Kamera im Gepäck. In das von Eveline Passet bohrend präzise übersetzte und kommentierte Tagebuch gehen Entwürfe für Briefe und literarische Texte ein, werden Recherchereisen dokumentiert, wird Gelesenes und Abgelauschtes notiert. Und auch die leuchtenden Beschreibungen der Natur fehlen nicht, seines beständigen tröstlichen Rückzugsorts. Unnachahmlich feinnervig seziert Prischwin die Gesellschaft im Umbruch, entwirft in knappen Miniaturen psychologische Porträts bekannter und unbekannter Zeitgenossen – und lehrt uns Nachkommen geduldiges Hinschauen und Nachdenken sowie den unbestechlichen Blick auf uns selbst.

»Wie soll man dagegen sein! Nur ein Verrückter kann sich unter die Lawine stellen und denken, dass er sie aufhält. Mir vormerken: In ein Umfeld gehen, wo aufgebaut und an etwas geglaubt wird.«

Michail Prischwin

Tagebücher. Band II 1930 bis 1932

Michail Prischwin

Aus dem Russischen, herausgegeben und kommentiert von Eveline Passet
Nachworte von Eveline Passet und Ulrich Schmid
ca. 450 Seiten, € 34 [D] | € 35 [A]
Gebunden, fadengeheftet und mit zwei Lesebändchen
ISBN 978-3-945370-33-9

Erscheint im November 2021