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Lewis Grassic Gibbon (1901–1935) wurde unter seinem bürgerlichen Namen James Leslie Mitchell in der Nähe von Auchterless, Aberdeenshire, in Schottland als Sohn eines Kätners geboren. Schon im Alter von sechzehn Jahren verließ er die höhere Schule und arbeitete als Journalist. Gleichzeitig beteiligte er sich schon damals an der Gründung des Aberdeener Sowjets, der sich in Anlehnung an die Russische Revolution bildete. Nach dem Verlust seiner Arbeitsstelle ging er zuerst nach Glasgow, trat jedoch kurz darauf in die Armee ein. Als kleiner Verwaltungsangestellter bei den Militärbehörden war er im Nahen Osten, Indien und Ägypten stationiert. In dieser Zeit begann er, Kurzgeschichten, Romane und Bücher über Entdeckungen und Entdecker zu schreiben. Nach der Entlassung aus der Armee 1929 ließ er sich als freiberuflicher Autor in Welwyn Garden City, dem zweiten »Gartenstadtprojekt« Englands, nieder und engagierte sich publizistisch in der politischen Linken. Er veröffentlichte bis zu seinem Tod 1935 zahlreiche Artikel und Bücher. 2016 erschien im Guggolz Verlag »Szenen aus Schottland«, eine Sammlung von Essays und Erzählungen.

Esther Kinsky arbeitet seit 1986 als Übersetzerin polnischer, russischer und englischsprachiger Literatur, z.B. von Miron Bialoszewski, Magdalena Tulli, Joanna Bator, Aleksander Wat, Henry D. Thoreau und John Clare. Für ihre Übersetzungen wurde sie u. a. 2009 mit dem Paul-Celan-Preis und 2011 mit dem Karl-Dedecius-Preis ausgezeichnet. Sie lebt als Schriftstellerin in Berlin. Ihre Romane, Gedicht- und Essaybände sind ebenfalls mehrfach ausgezeichnet worden. Ihr aktuelles Buch ist »Hain«, ein Geländeroman.

Lewis Grassic Gibbon, der bürgerlich James Leslie Mitchell hieß (1901–1935), hat sich ganz besonders mit der Hauptfigur Chris so tief in die Herzen seiner Leser eingeschrieben, dass sie »Lied vom Abendrot« bis heute immer wieder zum größten schottischen Roman aller Zeiten wählen. Erzählt wird die Geschichte von Chris Guthrie, die unter ihrem strengen Vater leidet. Sie darf das College besuchen, bis die Mutter stirbt und Chris auf den Hof zurückkehren muss. Nach dem plötzlichen Tod auch des Vaters führt Chris jedoch nicht ihr Studium weiter fort, sondern verschreibt sich ganz dem kleinen elterlichen Anwesen am Fuße der rauen Mearns. Ihr Leben bleibt geprägt vom Konflikt zwischen der »englischen Chris« der Bildung und der »Kinraddier Chris« mit ihrer Liebe zur regionalen Sprache und Landschaft. Das belastet auch die junge Ehe mit dem Landarbeiter Ewan, bis der Ausbruch des Ersten Weltkriegs das Leben der ganzen Gemeinschaft unwiderruflich verändert.

Was »Lied vom Abendrot« neben dieser mitreißenden Geschichte zu einem Ereignis macht, sind die Sprachkraft und vor allem Sprachmelodie Gibbons. Wie ein nie versiegendes, vom Lauf der Jahreszeiten in Gang gehaltenes Lied bringt der Ton der Erzählung Menschen, Natur und Landschaft zum Klingen. Die Welt – mit ihren alltäglichen Mühen und ihrer Sprödigkeit – besitzt eine Schönheit, die nur Lewis Grassic Gibbon einzufangen in der Lage ist. Und Esther Kinsky, die eine deutsche Sprache gefunden hat, die »Lied vom Abendrot« in seinem vielgestaltigen, tiefen Reichtum und seiner Zuneigung zu den Menschen uns deutschen Lesern zugänglich macht.

»Mit dem Roman ›Lied vom Abendrot‹ legt der junge Guggolz Verlag eine weitere Trouvaille vor und beweist einmal mehr die geschickte Hand des Verlegers bei seiner Programmgestaltung. In Kinsky hat er eine Übersetzerin gefunden, die den richtigen Ton trifft, um diese Geschichte auf Deutsch wiederzugeben. Sie überträgt das ›Doric Scots‹ in ein dialektal gefärbtes Deutsch, das von Lautmalereien und Sprachschöpfungen lebt, die Übersetzung strahlt eine Sinnlichkeit aus, die dem Deutschen ansonsten doch eher abgeht.«

Liliane Studer, literaturkritik.de

»Esther Kinsky hat den Sog von Gibbons Sprache hervorragend ins Deutsche gebracht. (…) Erst ihre Übertragung macht überhaupt verständlich, warum ›Lied vom Abendrot‹ als Klassiker der europäischen Literatur des frühen zwanzigsten Jahrhunderts gilt.«

Hans-Peter Kunisch, Süddeutsche Zeitung

»[Die] großartige Übersetzung eines wunderbaren Romans. (…) Esther Kinskys Wörter könnte man zu Ehren-Schotten ernennen, denn sie sind prall und rund und lebensvoll. Sind brattsch und dallerig, figelinsch, schmiedich und staatsch. Man kann sie auf der Zunge schmecken, sie lassen einen eintauchen in eine zwar vergangene, aber von Lewis Grassic Gibbon auch mit modernem Scharfblick beschriebene Welt.«

Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau

»Gibbons Geschichte der jungen Chris Guthrie, die sich in den Jahren um den Ersten Weltkrieg herum als emanzipierte Persönlichkeit etabliert und das kleinbäuerliche Leben dem Wunsch einer Lehrerausbildung vorzieht, ist unkonventionell, ergreifend, humorvoll, dramatisch und voller Liebe für seine Protagonisten.«

Gérard Otremba, Rolling Stone

»Anspielungsreich und selbstironisch webt Gibbon die Tradition mit ein, mit Seitenhieben etwa gegen kitschige englische Romane, von denen er sich abhebt. Er erzählt mit wendiger Stimme und waschechten Ausdrücken von Gewinnern wie Verlierern, als würde man neben ihrem Pflug mitwandern. Vor allem aber erzählt er quasi ebenerdig aus dieser wunderbaren schottischen Landschaft heraus von menschlichen Beziehungen. Die innere Landkarte im Zwiegespräch mit der äußeren ist sein eigentliches Thema und der geheime Grund, warum man dran bleibt.«

Anja Hirsch, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Das ›Lied vom Abendrot‹ ist ein Abschiedslied, in dem das Untergehende noch einmal zum Klingen gebracht wird – und das insbesondere in den lyrischen und zuweilen lautmalerischen Naturbeschreibungen auf berückende Weise. Lewis Grassic Gibbon hat mit seinem Roman der bäuerlichen Welt Schottlands ein poetisches Andenken geschaffen, das uns auch heute noch etwas zu erzählen vermag.«

Wiebke Porombka, SWR Forum Buch

Lied vom Abendrot

Lewis Grassic Gibbon

OT: Sunset Song (1932)
Aus dem Englischen von Esther Kinsky
Mit Nachworten von Esther Kinsky und Iain Galbraith
397 Seiten, € 26 [D] | € 26,70 [A]
Gebunden, fadengeheftet und mit Lesebändchen
ISBN 978-3-945370-15-5