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Frans Eemil Sillanpää (1888–1964) ist der bisher einzige finnische Literaturnobelpreisträger. Als Sohn einfacher Hofbesitzer wurde er zur Schulbildung ans Gymnasium nach Tampere und anschließend für ein Studium der Medizin an die kaiserliche Alexander-Universität nach Helsinki geschickt. Er brach das Studium ab, kehrte zurück aufs Land, gründet dort eine Familie und begann literarisch zu arbeiten. 1919 entstand der Roman »Frommes Elend«. 1923 »Hiltu und Ragnar« ein kurzer Spin-Off-Roman, in dem Sillanpää das Schicksal von Hiltu, einer Nebenfigur aus »Frommes Elend«, weiterverfolgte. 1931 nahm er den Faden wieder auf und schrieb mit »Jung entschlafen« das Gegenstück zu »Frommes Elend«, das in der gleichen Zeit spielt und das junge Hausmädchen Silja als Protagonistin hat. 1939 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur zugesprochen, für den er seit 1930 wiederholt vorgeschlagen worden war. Er verfiel dem Alkohol, verbrachte die Jahre 1940 bis 1943 in der Psychiatrie und schrieb danach so gut wie gar nicht mehr. Dennoch blieb er in Finnland bis zu seinem Tod 1964 populär, weil er als »Taata Sillanpää« (Opa Sillanpää) immer zu Weihnachten im nationalen Radio sprach.

Reetta Karjalainen wurde 1973 als Tochter eines finnischen Journalisten-Ehepaares in Kranj (Slowenien) geboren, wuchs bilingual (finnisch-deutsch) auf, studierte in Wien Fennistik, Finno-Ugristik und Deutsche Philologie und lebt als Übersetzerin in Wien und Yläne (Finnland). Von Frans Eemil Sillanpää übersetzte sie bisher »Frommes Elend« (gemeinsam mit Anu Katariina Lindemann) und »Hiltu und Ragnar«.

Frans Eemil Sillanpää (1888–1964) hat mit »Jung entschlafen« seiner großen finnischen Erzählung einen weiteren Baustein zugefügt. Der Schwindsuchttod des 22-jährigen schönen Landmädchens Silja steht am Anfang des Romans und auch am Ende. Sein Untertitel lautete »Eines Stammbaums letzter Trieb«, und der Roman beginnt mit dem Unglück der Eltern, einfacher Bauern, die ihren Hof verlieren und nacheinander sterben. Silja, die einzige Tochter, muss sich nun als Dienstmädchen auf fremden Höfen durchschlagen, bis sie in den Haushalt eines freundlichen alleinstehenden Professors kommt. Dort erlebt sie zu Mittsommer ihre erste Liebe mit dem Studenten Armas, der zur Sommerfrische aufs Land gekommen ist. Armas zieht aber am Ende des Sommers in den Krieg und wird verwundet. Auch an Silja geht das Kriegsjahr 1917 nicht spurlos vorüber, sie gerät zwischen die Fronten, weil sie ihrer inneren Stimme der Menschlichkeit folgt und sich von keiner Partei vereinnahmen lässt.

Auch Sillanpää schlägt sich auf keine Seite, sondern bleibt ganz nah bei seiner Protagonistin Silja, deren Schicksal wir Leser dadurch hautnah miterleben. Er lässt mit seiner unnachahmlichen Sensibilität für die Figuren aber auch für die Beschreibungen der Emotionen die Aufregung der ersten Liebe, die widersprüchlichen Gefühle in der Mittsommernacht und die Traurigkeit über das Scheitern so greifbar vor uns Lesern entstehen, dass wir uns mitten hineinversetzt sehen. Reetta Karjalainen hat erstmals die vollständige Fassung ins Deutsche gebracht, die uns Sillanpääs ganze Kunst der Einfühlung und der Zuneigung den Menschen gegenüber vor Augen führt.

»Wie aus der Zeit gefallen scheint dieses Buch. (…) Vor allem für seine einfühlsamen, aber nicht verklärenden Schilderungen des bäuerlichen Lebens hatte Frans Eemil Sillanpää den Literaturnobelpreis bekommen.«

Thomas Fechner-Smarsly, WDR3 Mosaik

»Das ganze wunderbare, ländliche, atmende, blühende Finnland ist in diesem Buch! (…) Was klingt da alles nach, und wie! Siljas Geschichte ist die Geschichte eines Menschen, der bei allen sozialen, zwischenmenschlichen und dann auch irgendwann gesundheitlichen Schwierigkeiten im Einklang mit sich selber bleibt. Und wie sie sich freuen kann! (…) Sillanpääs feiner Humor, seine schlackenlose Sprache, seine immer ein wenig spitzbübische Lakonie bannen alle Kitschgefahr. Lest es, stärkt Euch, bleibt stark.«

Tilman Krause, Die Welt

Jung entschlafen

Frans Eemil Sillanpää

OT: Nuorena nukkunut (1931)
Aus dem Finnischen von Reetta Karjalainen
Nachwort von Sebastian Guggolz
409 Seiten, € 24 [D] | € 24,60 [A]
Gebunden, fadengeheftet und mit Lesebändchen
ISBN 978-3-945370-14-8