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Walerjan Pidmohylnyj (1901–1937) wurde als Sohn eines Gutsverwalters im Donbas, in einem Dorf nahe der heutigen Stadt Dnipro geboren. Mit den Kindern des wohlhabenden Grundbesitzers konnte er Französisch lernen. Ob Pidmohylnyj nach seinem Schulabschluss ab 1918 am Bürgerkrieg teilnahm, wie es eine Quelle besagt, ein Hochschulstudium in Kyjiw absolvierte oder als Lehrer in seiner Heimatregion arbeitete, ist ungewiss. 1920 wurde eine erste Erzählungssammlung gedruckt, daneben übersetzte er französische Autoren wie Anatole France und Guy de Maupassant ins Ukrainische. 1922 nahm Pidmohylnyj eine Lehrerstelle in Kyjiw an und arbeitete als Redakteur bei einer ukrainischen Kulturzeitschrift. In den 1930er-Jahren konnte er nicht publizieren, er verlor seinen Redakteursposten, siedelte in die damalige Hauptstadt Charkiw um und wurde mehrfach inhaftiert und gefoltert. 1935 wurde er wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu Lagerhaft auf den Solowezki-Inseln verurteilt, wo er 1937 durch Erschießung hingerichtet wurde. Erst ab 1991 konnten seine Werke wieder gedruckt werden.

Alexander Kratochvil arbeitete an Slawistik-Instituten in Greifswald, München, St. Gallen und Prag und ist Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er übersetzte u. a. Oksana Sabuschko, Oleg Senzow und Jurij Wynnytschuk.

Lukas Joura studierte in Kyjiw, Cambridge und Berlin und arbeitet am Institut für Slawistik an der Universität Potsdam.

Jakob Wunderwald studierte in Minsk und Berlin und arbeitet am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Lina Zalitok studierte in Kyjiw, Strasbourg und Berlin und arbeitet an der Deutschen Botschaft in Kyjiw.

Walerjan Pidmohylnyj (1901–1937) hat mit »Die Stadt« 1928 einen Roman geschaffen, der von der psychologischen Prosa des französischen Naturalismus, die Pidmohylnyj selbst ins Ukrainische übersetzt hat, inspiriert ist und zum Kernbestand der ukrainischen literarischen Moderne gehört. Der Existenzialismus blitzt schon durch die Zeilen, die sanft ironische Erzählweise schlägt immer wieder in bissigen Spott um – und dennoch vermag Pidmohylnyj es auf atemberaubende Weise, von den sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen der Zeit nicht nur zu berichten, sondern sie uns erzählerisch vor Augen zu führen und begreifbar zu machen. Stepan, dessen Weg wir lesend miterleben, kommt voller Erwartungen und mit großen Zielen in die Metropole Kyjiw, wo er ein Studium beginnen und dabei mithelfen möchte, den Sozialismus aufzubauen.

Die Stadt und ihre Bewohner faszinieren ihn, stoßen ihn aber gleichzeitig auch ab und genügen seinen überzogenen Ansprüchen nicht. Vor allem aber stürzen sie ihn in chaotische Verhältnisse und machen seine hehren Pläne zunichte: Als Stepan dann auch noch Feuer für die Schriftstellerei fängt, kommt er endgültig vom Kurs ab. Alexander Kratochvil hat in Zusammenarbeit mit Lukas Joura, Jakob Wunderwald und Lina Zalitok die abgründig schillernde Erzählung in ein elegant doppelbödiges Deutsch gebracht, mit einer Vielzahl an geschliffenen Formulierungen und zugespitzten Dialogen. »Die Stadt«, dieses Meisterwerk der ukrainischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, fügt der vielstimmigen europäischen Moderne eine hierzulande bisher unbekannte weitere Facette hinzu.

Erscheinungstermin März 2022

»Die Menschen setzen sich wie Zahlen aus einigen grundlegenden Größen zusammen, und natürlich gibt es da verschiedene Kombinationen. Der Mensch ist eigentlich kein Rätsel, sondern eine Gleichung, zu ihrer Lösung reichen die vier Grundrechenarten.«

Walerjan Pidmohylnyj

Die Stadt

Walerjan Pidmohylnyj

OT: Місто/Misto (1928)
Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil, Lukas Joura, Jakob Wunderwald und Lina Zalitok
Nachwort von Alexander Kratochvil, Lina Zalitok und Susanne Frank
ca. 420 Seiten, € 26 [D] | € 26,90 [A]
Gebunden, fadengeheftet und mit Lesebändchen
ISBN 978-3-945370-35-3

Erscheinungstermin März 2022