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Karl Ristikivi (1912–1977) wurde als Sohn einer Dienstmagd in Uue-Varbla, Livland, geboren. Nach der Grundschule in Varbla besuchte er bis 1930 eine Handelsschule in Tallinn (damals Reval) und studierte anschließend Geographie an der Universität in Tartu. Nebenbei schrieb er Geschichten und Erzählungen, die in estnischen Zeitungen veröffentlicht wurden. Bekannt wurde er durch seine Kinderbücher und Familienromane, die als »Tallinner Trilogie« zusammengefasst werden können. Während der zweiten sowjetischen Besetzung 1944 floh Ristikivi aus seinem Heimatland nach Schweden und lebte dort als Exilschriftsteller bis zu seinem Tod 1977. Er schrieb weiterhin Prosa und Romane und schloss mit dem 1953 erschienenen Roman »Die Nacht der Seelen« an die literarische westliche Moderne an.

Maximilian Murmann studierte in München, Helsinki und Budapest Finnougristik, Allgemeine Sprachwissenschaft und Germanistische Linguistik. 2018 erfolgte seine Promotion. Er übersetzt aus dem Finnischen und Estnischen ins Deutsche und lebt in München.

Karl Ristikivi (1912–1977) ist einer von Tausenden Esten, die 1944 vor den Sowjets in den Westen flohen. Bis zu seinem Tod lebte er in Stockholm. »Die Nacht der Seelen« erschien 1953, ein existenzialistischer Exilroman mit surrealistischen Zügen, der seine persönliche Lebenssituation aufgreift. Der Ich-Erzähler, Ristikivis Alter Ego, betritt in der Silvesternacht ein offenstehendes Haus aus Neugier und in der Erwartung, dort Gesellschaft und Unterhaltung zu finden. Schnell wird aber klar, dass der Weg immer tiefer in das Haus hinein auch ein Weg in das eigene Innere, in die eigene Geschichte ist. Plötzlich fällt der Strom aus – es muss ein Verbrechen passiert sein. Der Prozess, der anschließend abgehalten wird, fokussiert aber gar nicht so sehr das mögliche Verbrechen, sondern richtet den Blick vielmehr auf das Menschenleben an sich und die Verfehlungen des Ich-Erzählers im Besonderen.

Meisterhaft versteht es Ristikivi, uns Leser mit Spannung und einer existenziellen Verunsicherung wie den Protagonisten immer tiefer in das Buch hineinzuführen. Von Raum zu Raum, von Szenerie zu Szenerie, von Begegnung zu Begegnung wandeln wir durch das rätselhafte Haus und kommen doch nur bei uns selbst an. »Die Nacht der Seelen« ist ein widerspenstiger und tiefgreifender Roman über eine existenzielle Einsamkeit, aber auch ein Buch über das Schreiben, die Kunst und über die Schöpfungskraft der Phantasie. Maximilian Murmanns Übersetzung legt mit klarer und präziser Sprache den Blick auf einen Text frei, der alles zeigt und freimütig erzählt und der uns Leser dennoch wie ein scharfkantig funkelnder Spiegel auf uns selbst zurückwirft.

»Besonders der Anfang von Karl Ristikivis 1953 im estländischen Original erschienenen Roman ist grandios. Mit wenigen klaren, fast schroffen Sätzen entwirft er nicht nur das genaue Bild einer unwirtlichen Stadt, in der die gereizte Stimmung jederzeit in Gewalt umkippen kann, sondern auch das komplizierte und widersprüchliche Innenleben eines einsamen, zutiefst verunsicherten Menschen (…). Das könnte ein bedrückendes Szenario sein. Doch Ristikivi hat einen eleganten, vergnüglichen Roman geschrieben, voller Zaubertricks und Eigensinn. Einen Exilroman, dessen literarischer Held viel zu klug ist, um zu resignieren.«

Nicole Henneberg, Der Tagesspiegel

»Vor der Folie seines eigenen Schicksals (Ristikivi floh 1944 vor der deutschen Besatzung und lebte bis zu seinem Tod in Schweden) lässt der estnische Schriftsteller, der hier erstmals auf Deutsch zu entdecken ist, sein literarisches Alter Ego schmerzlich die existenzielle Erfahrung der gleichermaßen äußerlichen wie innerlichen Unbehaustheit des Exils erleben. Dieser fesselnde, mit einem informativen Nachwort zu Biografie und Werk versehene Roman sei sehr empfohlen.«

Dorothea Trottenberg, ekz Bibliotheksdienst

Die Nacht der Seelen

Karl Ristikivi

OT: Hingede öö (1953)
Aus dem Estnischen von Maximilian Murmann
Nachwort von Rein Raud
373 Seiten, € 24 [D] | € 24,70 [A]
Gebunden, fadengeheftet und mit Lesebändchen
ISBN 978-3-945370-20-9