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Stig Dagerman (1923–1954) wurde in Älvkarleby nördlich von Uppsala als Sohn eines Sprengmeisters und einer Telefonistin geboren. Er wuchs bei seinen Großeltern väterlicherseits auf dem Land auf, bis er 1931 zu seinem Vater nach Stockholm zog. 1940 wurde sein Großvater von einem Psychopathen erstochen, eine »Wahnsinnstat«, die ihm lebenslang nachging – zumal kurz darauf ein Freund bei einem gemeinsamen Bergurlaub in einem Lawinenunglück ums Leben kam. Dagerman arbeitete nach seinem Abitur für die anarchosyndikalistische Zeitung »Arbetaren« und debütierte 1945 mit dem Roman »Die Schlange«. Die kommenden Jahre waren geprägt von exzessiven Schreibphasen und einem kometenhaften Aufstieg, aber auch von Schreibblockaden, schweren Depressionen und existenziellen Krisen. 1943 heiratete er die deutsche Geflüchtete Annemarie Götze, mit der er zwei Söhne hatte und über deren Familie er Zugang zu Deutschland fand. Nach dem Scheitern der Ehe heiratete Dagerman 1953 die bekannte Schauspielerin Anita Björk, mit der er eine Tochter hatte. Mit gerade 31 Jahren nahm er sich 1954 das Leben.

Paul Berf, geboren 1963, studierte Skandinavistik, Germanistik und Anglistik in Köln und Uppsala und übersetzt aus dem Schwedischen, Finnlandschwedischen und Norwegischen, u. a. Johannes Anyuru, Aris Fioretos, Karl Ove Knausgård, Selma Lagerlöf, Fredrik Sjöberg und Kjell Westö. 2005 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet. 2014 erhielt er den Jane-Scatcherd-Preis der Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Stiftung für seine Übersetzungen der Werke Knausgårds.

Stig Dagerman (1923–1954) wurde 1946 von der schwedischen Zeitung »Expressen« beauftragt, Deutschland zu bereisen und ein Bild des zerstörten Landes nach dem Weltkrieg zu geben. Ein Reisebericht in 13 Stationen über Berlin, Hamburg, das Ruhrgebiet, Frankfurt, Heidelberg und München, aber auch über die dazwischenliegenden ländlichen Regionen, über Zugfahrten, Politikerauftritte und Gerichtsprozesse entstand in diesem regnerischen Herbst 1946, der geprägt ist von Ruinen und Hunger, unterdrückter Kontinuität nationalsozialistischen Denkens und dem erhofften Aufbruch durch die alliierte Demokratisierung. Stig Dagerman begegnet den Menschen auf seiner Reise nie mit moralischer Überlegenheit – sondern mit Interesse und Mitgefühl, im Versuch, die gesellschaftliche wie persönliche Situation jedes Einzelnen zu verstehen.

In jenem Herbst erlebt Stig Dagerman mit seinem zweiten Roman in Schweden gerade den Durchbruch: Seine Frau schickt ihm die begeisterten Rezensionen, und er schämt sich im Angesicht der Zerstörung und des Leidens für den Erfolg. Paul Berf hat die Reiseberichte nicht nur in ihrer ganzen Beschreibungsdichte und Gedankenvielfalt in ein schwingendes, unverstelltes Deutsch übersetzt, sondern auch ergänzend eine Auswahl aus den Briefen getroffen, die Dagerman – teilweise auf Deutsch verfasst – von der Reise an seine Angehörigen in die Heimat schickte. Der Bericht des schwedischen Ausländers über das Deutschland der Stunde Null, dessen äußere Konflikte und innere Spannungen gibt uns einen einzigartigen Einblick in eine Zeit, in der nicht ausgemacht war, ob dieses Land jemals wieder auf die Beine kommen würde.

»Im Herbst 1946 schickt eine schwedische Zeitung den jungen Schriftsteller Stig Dagerman nach Deutschland. Er sieht zerstörte Städte, trifft Menschen, die in Kellern hausen, und behält in seinen Reportagen immer den Einzelnen im Blick. (…) Das Großartige an seinen Texten ist nun, dass er den Elenden und Besiegten nicht die Schmach antut, sie zu bemitleiden, sondern schlicht sagt, wie es ist, wodurch die Wirkung noch größer wird. Und er bewahrt den ›Respekt vor der Persönlichkeit‹, vor dem einzelnen Menschen und seinem Leiden, ›ganz gleich, ob dieses Leiden nun unverschuldet oder selbst verschuldet ist‹.«

Peter Urban-Halle, Deutschlandfunk

»Die damals europaweit viel beachteten Texte gibt es jetzt in einer nuancierten Übersetzung von Paul Berf wieder auf Deutsch. Pointiert, abwechslungsreich und mit einem scharfen Blick für Details geschrieben sind sie ein wichtiges, empathisches Dokument deutscher Zeitgeschichte. (…) Ohne Vorbehalte und vorgefasste Meinungen lässt Dagerman sich auf das Elend und die Verbitterung der Menschen ein. Weder verurteilt er die Deutschen, noch stellt er sie als Opfer dar. Vielmehr übt er sich in der ›Fähigkeit, auf das Leiden zu reagieren, ganz gleich, ob dieses Leiden nun unverschuldet oder selbst verschuldet ist‹. (…) Zeit für eine Neuentdeckung.«

Sophie Wennerscheid, Süddeutsche Zeitung

»Mit rhetorisch überwältigender Beobachtungsgabe notierte Dagerman, was er sah. (…) Dem jungen, sensiblen Dagerman gelangen außerordentlich geschliffene Formulierungen von exquisiter Momenthaftigkeit, etwa dass der größte Gegner der ›ideologischen Wiederaufbauarbeit im heutigen Deutschland‹ nicht die Reaktionären seien, sondern die ›indifferenten Massen, die mit ihrer politischen Überzeugung bis nach dem Essen warten.‹«

Alexander Kluy, Buchkultur

»Von der ersten Seite an ist zu spüren, dass man es hier nicht nur mit einem Journalisten, sondern mit einem Schriftsteller zu tun hat. Stig Dagermans Sprache ist facetten- und vokabelreich, hat Eleganz, atmosphärische Kraft und Anschaulichkeit. […] ›Deutscher Herbst‹ ist ein Dokument, das die pauschale Erzählung vom deutschen Neuanfang nach 1945 auf imposante Weise ausdifferenziert.«

Christoph Schröder, Deutschlandfunk Büchermarkt

»Zweifellos war dieser herbstliche Keller ein innenpolitisches Ereignis von größtem Gewicht. Ein weiteres solches Ereignis waren das Gras, die Büsche und die Moose, die zum Beispiel in Düsseldorf und Hamburg auf den Ruinenbergen grünten.«

Stig Dagerman

»Dagerman kann in einem einzigen Satz so außerordentlich starke Emotionen hervorrufen.«

Colm Tóibín

»Dagerman schrieb mit wunderschöner Objektivität. Anstelle von emotionalen Phrasen verwendete er ausgewählte Fakten, wie Mauersteine, um ein bestimmtes Gefühl aufzubauen.«

Graham Greene

Deutscher Herbst

Stig Dagerman

OT: Tysk höst (1947)
Aus dem Schwedischen, mit einer Briefauswahl und einem Nachwort von Paul Berf
190 Seiten, € 22 [D] | € 22,70 [A]
Gebunden, fadengeheftet und mit Lesebändchen
ISBN 978-3-945370-31-5